Obliveon
Magazine 23-Januar-2004 www.obliveon.de
BELTANE
Einladung zum Träumen
„World Of Dreams“ nennt sich das zweite offizielle Album
einer Band, die in Europa wahrscheinlich nur Eingeweihten ein Begriff
sein dürfte. Der Name der Band: Beltane, die ihre Heimat „Down
Under“ hat und mit ihren, von Ethereal-Pop, Elektronik und Wave
geprägten Liedern vergleichbaren Bands wie den Cocteau Twins,
Claire Voyant oder den Kanadiern Rhea’s Obsession kaum nachsteht.
Obwohl Beltane, dessen musikalischer Kopf Paul Handley uns im nachfolgenden
Interview Rede und Antwort stand, eine Kooperation mit dem deutschen
CODE-Label eingegangen sind, sind die Alben Beltanes selbst bei den
auf diese Art von Musik spezialisierten Mailodern kaum erhältlich.
Eiegntlich verwunderlich, denn Beltane haben wirklich das Zeug dazu
die Massen zu begeistern und mit ihren vielschichtigen Songs Stimmungen
zu erzeugen, die geradezu zum Träumen und Hinweggleiten in träumerische
Sphären einladen, und das, obwohl sich Paul jahrelang musikalisch
in Postpunk-Bands verdingte, um seine, wie er es nennt, aggressive
Seite vehement auszuleben.
>> Ich habe Jahre damit verbracht in den beiden Bands, bei denen
ich zuvor mitgewirkt habe, Schlagzeug zu spielen, wobei sowohl Stiff
Kittens, eine von Joy Division beeinflusste Band, als auch The Bacchae
wenig mit elektronischer Musik und Keyboards zu tun gehabt haben.
Ich aber wollte Musik erschaffen, die durch ihre Vielseitigkeit ganz
andere Hörgewohnheiten ansprechen sollte. Zu der Zeit empfand
ich eine Band, bestehdn aus Bass, Gitarre und Drums beinahe so, als
ob ich Schwarz-Weiss-Fernsehen schauen würde. Soundtracks, die
in der Lage waren solch eine ausgesprochene intensive Atmosphäre
zu erschaffen, hat mich sehr beeindruckt. Ich hatte bis dahin immer
aggressive und von hoher Energie und dem Postpunk geprägte Musik
gespielt und wollte neue, komplexere und klar definierte musikalische
Ausdrucksformen erkunden. Musik, die weibliche, Heavenly Voices-ähnliche
Stimmungen vermittelte, war eine der Hauptinspirationsquellen für
mich. Unsere Einflüsse haben sich im Laufe der Jahre sicherlich
verändert, aber eher in der Form einer stetig wachsenden denn
einer abweichenden Entwicklung. Unsere ursprünglichen Ziele haben
sich somit nicht verändert, nur das Erreichen dieser Ziele hat
sich verändert. <<
Würdest du zustimmen, wenn ich musikalische Vergleiche zu Ethereal
Pop-Bands wie Claire Voyant und Rhea’s Obsession auf der einen,
wie auch L’âme Immortelle auf der anderen Seite ziehe?
>> Wir sind eine Band, die nur schwer zu klassifizieren ist,
was objektiv sicher schwer zu beurteilen ist, wenn man Mitglied der
Band ist. Wie viele andere Bands auch kombinieren wir Elemente aus
verschiedenen Stilrichtungen und ich kann mit Sicherheit behaupten,
dass es keine vergleichbare Band gibt. Ich finde es immer wieder faszinerend,
welche grosse Bandbreite an Bands herangezogen wird, um Beltane zu
beschreiben. Jedes Mal, wenn ich eine neue Rezension lese, wird eine
andere Band als Vergleich herangezogen, und in den seltensten Fällen
wird einer dieser Namen mehr als einmal genannt, angefangen bei Björk
über Das Ich bis hin zu Lacrimosa. <<
Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, die Band nach dem
heidnischen Beltane-Brauch, also der Verabschiedung des Winters und
dem Wiedererwachen der Natur, zu benennen?
>> Die Idee kam mir 1993 am Neujahrsabend, als ich einen so
intensiven LSD-Trip hatte, der beinahe einer religiösen Erfahrung
oder einem Erwachen gleich kam. The Bacchae hatten sich gerade in
der Woche vorher aufgelöst und aus dieser Asche entsprang der
Phoenix. Ich wollte eine Band haben, die sich auf die Erschaffung
von persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen konzentrierte,
anstatt der zerstörerischen Aspekte meiner musikalischen Vergangenheit.
Genau dafür steht das Beltane Fest. Es markiert das Ende des
Winters und den Beginn des Frühjahrs; es steht im Einklang mit
den vier Jahreszeiten und es ist der Gegenpart zu Samhain bzw. Halloween,
der den Aspekt des Todes innerhalb dieses Zyklus symbolisiert. <<
Die erste offizielle Beltane-Veröffentlichung war eine limitierte
CD-R mit dem Titel „The Dionysian Blood“. Wurde ein Teil
dieser Songs später auf dem ersten vollständigen Album „The
Fire Of Becoming“ wiederveröffentlicht oder gibt es Pläne
auch diese Stücke in Zukunft wiederzuveröffentlichen?
>> “Dionysian Blood” war eine offizielle Veröffentlichung
in einer Auflage von gerade mal 500 Stück. Ein paar der Songs
fanden sich auf „The Fire Of Becoming“, aber in unterschiedlichen
Versionen. Wir haben die ursprünglichen Versionen von „Dionysian
Blood” bereits neu aufgenommen und werden sie in Mai auf einer
EP mit dem Titel “Angel Of May” veröffentlichen.
<<
“The Fire Of Becoming” erschien bereits 1999 und wenn
du heute auf das Album zurückblickst, denkst du, dass es die
Zeit überdauert hat? Wo siehst du selbst die Unterschiede zum
jetzt erschienen Album „World Of Dreams“?
>> “The Fire Of Becoming” wurde ursprünglich
im Herbst 2000 veröffentlicht. Wir werden auch dieses Album wiederveröffentlichen,
allerdings werden manche der Songs komplett neu eingespielt werden,
wie sich auch das Artwork deutlich vom Original unterscheiden wird.
Um nun den ersten Teil deiner Frage ztu beantworten, so denke ich,
dass die Songs stark genug sind und genug Substanz beinhalten, um
durch die damaligen produktiostechnischen Beschränkungen abermals
aufgewertet zu werden. Alle Beltane Songs werden bei mir im eigenen
Studio gemacht und ich habe somit die Möglichkeit ihnen die Aufmerksamkeit
zu schenken, die sie benötigen, ohne auf die Produktionskosten
achten zu müssen. Vieles von dem, was wir in der Zwischenzeit
in anderen Studios aufgenommen haben, kann so noch einmal deutlich
verbessert werden. „World Of Dreams“ hat bereits davon
profitiert, dass wir es in meinem eigenen Studio eingespielt haben.
Einer der Hauptunterschiede findet sich sicher in der Konzentration
auf klassiche Arrangements und den durchgehenden rhythmischen Fluss,
im Gegensatz zu „The Fire Of Becoming“, was deutlich experimenteller
angelegt war und sich Rhythmen und Beats aus der Weltmusik zu Nutzen
gemacht hat. Lyrisch gibt es kaum Unterschiede, wobei „World
Of Dreams“ da ansetzt, wo wir mit „The Fire Of Becoming“
aufgehört haben. <<
Zwischen der Veröffentlichung der beiden Alben liegen fast vier
Jahre, im heutigen Musikgeschäft beinahe eine Ewigkeit. Was waren
die Gründe für diese lange Pause und was hast du in der
Zwischenzeit gemacht?
>> Alleine zweieinhalb Jahre sind in Komplikationen mit Studios
und Plattenfirmen begründet. „World Of Dreams“ wurde
überhaupt erst nach einem Jahr veröffentlicht. Wir waren
sehr unzufrieden mit diesem Ergebnis und an dieser Stelle habe ich
dann entschieden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und mein
eigenes Studio aufzubauen. Von da an haben wir das Album nochmal von
Grund auf neu aufgenommen. <<
Wie alt sind demnach die Songs, die es auf “World Of Dreams”
geschafft haben? Sind sie das Ergebnis eines langjährigen Songwriting-Prozesses
oder wurden sie zeitnah zu den Aufnahmen geschrieben?
>> Drei der Songs “In The Shadow of Night”, einer
der ersten Songs, die wir je geschrieben haben, “Foreign Shore”
und “On the Fly“ wurden lange vorher geschrieben. “A
Distant Place”, “Impassioned” und “The Watcher”
wurden während der Aufnahmen geschrieben. Die anderen Songs entstanden
bevor den eigentlichen Aufnahmen. <<
Wa rum hast du das Album “World Of Dreams” genannt? Was
verbindest du persönlich mit Träumen?
>> Ich verwende das Wort “Dreams” im Sinne persönlicher
Ambitionen und Sehnsüchte. „World Of Dreams“ symbolisiert
daher auf perfekte Art und Weise das übergeordnete Thema und
die Intention, die ich mit den Songs zum Ausdruck bringen wollte.
<<
“In worlds of perfection I can free my mind” heisst es
im Titelsong. Ist es das, wonach musikalisch Beltane streben? Eine
Welt der Perfektion, wo nichts die Vorstellung einer schönen
Welt stört? Wäre es manchmal unter Umständen nicht
besser sich der Wahrheit zu stellen anstatt sich in eine Traumwelt
zu flüchten?
>> “Worlds Of Perfection” bezieht sich auf die Momente
im Leben eines jeden von uns, wenn sie all ihr inneres Potential in
vielfältiger und dennoch ungewöhnlicher Art und Weise offenbaren
und sich dabei eine beinahe gottähnliche Schöpferkraft,
Bewusstsein und Vitalität einstellt, basierend auf internen und
externen Umständen. Der Wirklichkeit zu entfliehen ist sicher
nichts aussergewöhnliches, aber mit Beltane versuchen wir uns
auf Dinge zu konzentrieren und etwas zu erschaffen, das mehr Schönheit
und Sinn besitzt als die Dinge unseres normalen Lebens. Die Frage
nach der Realität muss jeder subjektiv aus seiner individuellen
Sichtweise heraus beantworten. Die christliche Moral ist ein gutes
Beispeil dafür, unbequeme Wahrheiten einfach auszuschliessen.
Ich mag die Vorstellung, dass das Album sich auf ein inneres und utopisches
Idealbild bezieht, da es eine starke Polarität zwischen hellen
und dunklen Elementen besitzt. Musikalisch haben wir versucht eine
Atmosphäre zu erzeugen, die ein Element der Spannung mit einer
unheilvollen und untergeordneten Präsenz verbindet, um die Balance
zu den leichten Melodien und harmonischen Aspekten darzustellen. Das
führt auch wieder zurück zu dem, was ich eingangs bereits
erwähnte, die Schaffung schöner und bewegender Momente im
Gegensatz zur zerstörerischen und alles verzehrenden Kraft. Ich
habe andere Ventile gefunden, meinen Ärger über das Leben
und die Umstände heraus zu lassen. Bis vor ein paar Jahren war
ich noch in einer anderen Band namens Prototype, die sehr heavy und
sehr aggressiv zu Werke ging und es mir daher ermöglichte, einen
Ausgleich zu finden. Zur Zeit arbeite ich noch mit einer anderen Band,
die einen sehr starken Industrial-Einschlag besitzt, was mir die Gelegenheit
gibt, meine chaotischen und flatterhaften Emotionen auszuleben. <<
Die Texte sind sehr poetisch verfasst, ohne den geringsten Hinweis
auf schlechte Träume oder Alpträume, wohin gegen das Cover
eine verzweifelte, am Boden liegende Frau zeigt, die ganz offensichtlich
ihren Träumen nachtrauert. In welchem Zusammenhang steht das
Cover zu den Texten des Albums und den Träumen, denen ein jeder
von nachhängt?
>> Das Bild ist das einer Tänzerin während sie darüber
nachdenkt, dass sie sich dem Kampf und den Konsequenzen, sich selbst
und ihren Kindheitsträumen, ihren Träumen und ihren Ambitionen
treu zu bleiben, endgültig ergeben hat. Es repräsentiert
den Moment wo man, ungeachtet all der Anstrengungen und der Ungerechtheit
sich einen Rest von Würde und Respekt bewahrt, wissend, dass
man diesen Traum trotz eines ungebrochenen Willens nie verwirklichen
wird. Sie liegt bewegungslos auf der Seite, erschöpft von diesen
ständigen Anstrengungen und Kämpfen, ihren Traum zu verwirklichen.
Für mich symbolisiert sie einen gefallenen Engel. <<
In eurer Biographie werden Theatereinflüsse genannt, die während
der Liveshows zum Tragen kommen. Wie kann man sich das vorstellen?
>> Wir arbeiten intensiv daran verschiedene Aspkete eines visuellen
Theaters in unsere Show zu integrieren, sei es durch Videoprojektionen,
Lichtimpressionen oder Tänzer und Darsteller auf der Bühne.
Das ist aber ein sehr gradueller Prozess, hoffentlich bis zu dem Punkt,
wo die Musik einen Soundtrack-Charakter bekommt und die Geschichte
für eine experimentelle Theaterperformance vorgibt. Wir haben
uns in den letzten Jahren mehr auf das Studio und die Aufnahmen konzentriert.
Wahrscheinlich werden wir unsere Energie nun der Live Performance
zuwenden. <<
Wie siehst du die australische Gothic-Szene, von der mit Ausnahme
von Bands wie Ikon, Stark und nun auch Beltane in Europa so gut wie
nichts bekannt ist? Gibt es eine grosse Szene oder ist sie fest im
Underground verwurzelt?
>> Die Gothicszene ist sehr im Undergound und auch die Werbung
für diese Szene ist beschränkt auf einige wenige Radioshows,
ein Magazin für düstere alternative Musik und ein paar Clubs
in den grösseren Städten. Die australischen Bands tun sich
im Ausland meist leichter und die Plattenläden würden sich
sicher freuen ein paar CDs zu verkaufen, wenn eine Nachfrage bestehen
würde. Für Gothic-Bands ist es sehr schwer in Australien.
Das nationale Radio und TV ignoriert diese Szene vollkommen. Was fehlt
ist ein Anstoss, der auch in der Musikindustrie alles ins Laufen bringen
würde. <<
Ihr seid eng mit dem deutschen Label CODE Music verbunden. Wie kam
dieser Kontakt zustande und wie sind eure Erfahrungen mit dem Label?
>> Wir sind nicht wirklich mit dem Label CODE Music verbunden,
sondern mit CODE Musik, die sich nun in „CodeXpress“ umbenannt
haben und „World Of Dreams“ in Deutschland vermarkten
und vertreiben. Doch auch Sonic-X und SX Distribution vertreiben und
unterstützen uns in Deutschland.
www.beltane.com.au
Michael Kuhlen
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